#9

15. – 30.10.2011 PORSCHISMUS #9
@ Galerie Duplex, Sarajevo, Bosnia-Herzegovina
DEAL WITH IT curated by Veronika Somnitz

Christiana Biron, Pierre Courtin, Jusuf Hadžifejzović, Adnan Jasika, Emir Kapetanović, Elvedin Klačar, Jean-Gabriel Périot, Diana Righini, Edo Vejselović, Nardina Zubanović

PORSCHISMUS #9 – DEAL WITH IT

PORSCHISMUS ist eine Künstlergruppe bzw. ein Künstlerkollektiv, die/das sich selbst nicht als Gruppe, Kollektiv oder ähnliches begreift, sondern von sich selbst schlicht als PORSCHISMUS spricht, welcher in der Tat im Zusammenwirken der Einzelkünstler verschiedenster künstlerischer Ausrichtungen bei der Realisierung seiner Aktionen eine eigene, neue Energie entwickelt, somit eine Art Eigenleben führt und seine eigenständige Daseinsberechtigung einfordert. Dieser PORSCHISMUS also, mit derzeitigem Wohnsitz in Leipzig, Dresden und Berlin, hat für sein Projekt „PORSCHISMUS #9“ in Sarajevo ein Konzept entwickelt, das nicht die zwingende Anwesenheit von PORSCHISMUS in körperlich-personeller Form vorsieht. So wurde die sich bereits in Sarajevo befindliche Kuratorin des Projekts von PORSCHISMUS „engagiert“, um in Sarajevo in der Galerie Duplex die Ausstellung PORSCHISMUS #9 zu organisieren, wobei die Kuratorin neben der ihr bei der Realisierung zugestandenen vollen Handlungsfreiheit bestimmte Konditionen zu berücksichtigen hat. Die „Spielregeln“ und die Tatsache, dass für die Realisierung der Ausstellung ein Budget in Höhe von 500 Euro in bar von PORSCHISMUS zur Verfügung gestellt und vor Ort in Sarajevo durch den Delegierten Andy Kania übergeben wurde, sind für alle öffentlich unter http://porschismus.kimbl.com einsehbar.
PORSCHISMUS hat somit zum einen das „Machtverhältnis“ Künstler – Kurator ausgehebelt, in Frage gestellt und neu bewertet und geht zum anderen einen völlig neuen Weg bei der Umsetzung einer grenzüberschreitenden Aktion in Bosnien-Herzegowina. Einerseits wird der Kurator dadurch bewusst von Seiten des Künstlers ins Rampenlicht gestellt und ihm kommt in diesem Konzept eine tragende Rolle zu, da es ohne sein Einverständnis nicht funktionieren würde. Andererseits wird er durch den Künstler mit der Tatsache konfrontiert, dass er nun eine Ausstellung zum Abschluss bringen muss, bei dem er nicht auf den eigentlich gewünschten Künstler zählen kann. So entsteht ein neues Abhängigkeits-Unabhängigkeits-Verhältnis zwischen Künstler und Kurator und es wird die Frage aufgeworfen, inwieweit beide unabhängig voneinander agieren.
Es kann beim letztendlichen Konzept der Kuratorin jedoch nicht von einer eigenen, losgelösten Arbeit die Rede sein, da diese ohne das Konzept und den Anstoß durch PORSCHISMUS in der Form nicht hier und nicht jetzt verwirklicht worden wäre. PORSCHISMUS ist weiterhin bei jedem Gedankengang im Zuge der Ausstellungsplanung präsent und maßgeblich beteiligt und war in dieser Form in den vergangenen Wochen in der Sarajevoer Kunstszene in aller Munde und in dieser Form reell anwesend.
Das Konzept wurde knapp fünf Wochen vor der angesetzten Vernissage von PORSCHISMUS an die Kuratorin übergeben. Diese Ausgangssituation und die allgemeinen derzeitigen gesellschaftlichen Umstände in Bosnien-Herzegowina, einem Land, das von Clemens Ruthner in einem Presseartikel als das „letzte noch untot lebendige Stück aus dem Leichnam Jugoslawien“ und als „am Leben erhalten gleichsam auf einer internationalen Intensivstation“ bezeichnet wird, einem Land, in dem sich Nachkriegstraumata, alltäglicher nationalistisch-politischer Wahnsinn, Korruption, eine katastrophale Wirtschaftslage und eine durchschnittliche Arbeitslosenquote von 50 %, Machtdemonstration durch die Instrumentalisierung der verschiedenen religiösen Konfessionen, Homophobie und machoide Strukturen ein Stelldichein geben, in dem das Gefühl allgemeiner Machtlosigkeit, Zermürbung und Unzufriedenheit vorherrschen und das in einer Sackgasse aus Depression, Lethargie und Jammerei gefangen zu sein scheint, ohne dass sich eine kritische Masse bereit sieht, aktiv gegen diesen Zustand anzugehen, führten schließlich zum Ausstellungsuntertitel „DEAL WITH IT“.
„DEAL WITH IT“ untersucht die Auseinandersetzung mit Umständen und Sachverhalten, mit denen der Mensch sich konfrontiert sieht, nicht durch kritische Feststellung und verstärkende Herausarbeitung des negativen Moments, sondern durch Aktion, Reaktion und Gegenkonfrontation. Auf welche Weise begegnet der Einzelne oder ein Kollektiv einem Faktum, gesellschaftlichen Verhältnissen oder einer scheinbar allgemeinen „Schlechtigkeit der Welt“ – aktiv, im Bewusstsein darum, konstruktiv, ironisch, instinktiv-fremdbestimmt-körperlich, unkontrolliert, rückspiegelnd, herausfordernd? Durch die Schaffung privater kleiner Oasen des Glücks / „bubbles“, durch den Rückzug in Fantasiewelten, in denen Monster bekämpft, niedergezwungen und geritten werden? Welche Mechanismen werden freigesetzt, welche Antworten findet der Einzelne für sich, um den äußeren Gegebenheiten begegnen zu können? Bleibt er womöglich eine Antwort schuldig, ist er vielleicht nicht in der Lage, sich mit den Umständen auseinanderzusetzen und scheitert?
Gezeigt werden teils bereits vorhandene teils neue, eigens für die Ausstellung entwickelte Arbeiten von Christiana Biron, Jusuf Hadžifejzović, Adnan Jasika, Emir Kapetanović, Elvedin Klačar, Jean-Gabriel Périot, Diana Righini, Edo Vejselović und Nardina Zubanović. Es handelt sich bei allen Künstlern um Menschen, deren Lebenswege auf unterschiedliche Weise mit dem geografischen und gesellschaftlichen Bosnien-Herzegowina verknüpft waren und/oder immer noch sind. Die Arbeiten sind jedoch größtenteils allgemeingültig zu verstehen und erheben keinen Anspruch auf einen direkten und ausschließlichen Bezug zu den konkreten, aktuellen bosnisch-herzegowinischen Realitäten und der Besucher ist nun eingeladen, sich in diesem Rahmen mit ihren individuellen Ansätzen und Positionen auseinanderzusetzen.

Veronika Somnitz, Kuratorin der Ausstellung

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KONZEPT/CONCEPT

PORSCHISMUS übergibt der Kuratorin Veronika Somnitz volle Handlungsfreiheit bei der Realisierung der Ausstellung PORSCHISMUS #9 unter folgenden Konditionen:

PORSCHISMUS lets the curator Veronika Somnitz realise the exhibition PORSCHISMUS #9 at her discretion and under the following conditions:

 

1. das Budget beträgt fünfhundert Euro und wird in bar vor Ort gegen Erhaltsquittung übergeben / The budget is five hundred Euros and will be handed out on location in cash with a receipt.

2. jede Ausgabe muss belegt werden und als Quittung an PORSCHISMUS übergeben werden / All expenditures must be documented and the receipts handed over to PORSCHISMUS.

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4. PORSCHISMUS erwartet eine ausführliche Dokumentation (Fax, Quittung, email traffic, fotografische Dokumentation von Orten/Personen/Dingen/Prozessen – Video wäre auch toll) / PORSCHISMUS will expect detailed documentation (fax, receipts, email correspondence, photographic documentation of places/people/things/processes – video would also be great).

5. Inszenierungen sind dabei (Punkt 4) erlaubt / Stagings are permitted (in ref. to #4).

6. es dürfen keine bereits vorhandenen Arbeiten, Dokumentationen, Texte sowie Ideen von vergangenen PORSCHISMUS-Aktionen verwendet werden / Already existing works, documentations, texts or ideas from prior PORSCHISMUS events are not allowed to be used.

7. es darf kein radioaktives Material verwendet werden / No radioactive material should be used.

8. die Kuratorin verfasst einen Text zur und über die Ausstellung PORSCHISMUS #9 in Deutsch, Englisch und Bosnisch/Kroatisch / The curator will write a text for and about the exhibition PORSCHISMUS #9 in German, English and Bosnian/Croatian.

9. die üblichen Formen der Öffentlichkeitsarbeit (Einladungskarten, Plakate, email, social media etc) sind zu gewährleisten / The usual forms of public relations (invitation cards, posters, email, social media etc.) must be provided.

10. es findet eine Vernissage am 15. Oktober 2011 in der Galerie Duplex statt / The opening event will take place on 15 October 2011 at the Galerie Duplex.

livestream + google-hangout (Berlin, Leipzig, Sarajevo, NY) @ the opening

liveband @ the opening

Christiana Biron (Berlin) *1977, “Laugh the pain away”, 2005
Video loop, duration: 1.05 Min.

Jusuf Hadžifejzović (Sarajevo) *1956, “Trophy’s Depotgraphy”
Photo prints on canvas
Cage: Graz 1993, 34 x 38 cm
Metal box with perforations: Ljubljana, 1995, 28 x 38 cm
Long gun: Bruges 2002, 110 x 115 cm
Deer: 2003, 40 x 16 cm
Bottle opener: Bruges 2002, 14 x 34 cm

Adnan Jasika (Sarajevo) *1978, “Rambo / Art will save the world”
Collage from the Ars Aevi catalogue, 2010, 150 x 200 cm

Emir Kapetanović (Sarajevo) *1980, “Patience”, 2009, 140 x 140 cm
Pencil on paper

Elvedin Klačar (Vienna) *1977, “Everything seems unsatisfying and fragmentary in relation to the original”, 2010
Installation, 7 columns

Jean-Gabriel Périot (Paris) *1974, “Gay?”
Video loop, duration: 2 Min.

Diana Righini (Berlin), *1980, “1978 – 2011”
4 paper copies

Edo Vejselović (Skopje), *1978
Installation on the floor

Nardina Zubanović (Sarajevo), *1987, “Who stole the moon”
3 graphics